Beinahe Aleatorik : Pingpong Bälle endlich im Jazz angekommen! – Kleiner Erfahrungsbericht zur „Neuen Musik“

Einmal sah ich eine Art Dokumentation über die aufsehenerregendende Neue Musik in s/w, die bestimmt aus den Sechzigern stammte. Ich war jung, brauchte kein Geld („Dope will get you through times of no money better than money will get you through times of no dope.“ Wie es Freewheelin‘ Franklin, einer der „Freak Brothers“, formulierte) und war neugierig. Außerdem hatte ich einen Wahlkurs in der Schule mit dem Titel „Aleatorik“ bei einem einzigartigen schrullig-skurilen Engländer belegt gehabt, der in seinem schwäbisch-englischen Akzent behauptete, bei der Uraufführung von Cages 4’33 in London dabei gewesen zu sein, welches Stück uns vorzutragen er sich natürlich nicht nehmen ließ, unvermeidlich begann er mitten im Stück seine Brille mit dem Stofftaschentuch, in das seine Inizialien eingestickt waren, zu putzen (bei 4’33 wird ja nicht gespielt, zur Erleichterung einer meiner Klassengenosinnen, deren Vater Komponist war), und nach welcher Aufführung eine Single verkauft worden sei: Auf der A-Seite sei 4’33, auf der B-Seite dann „Arie einer stummen Nonne“ zu hören gewesen.

Es gibt so viele schöne Erinnerungen an diesen Kerl. Z.B. lernten wir bei ihm: „Komm, liebe Maid und mache … die Bäume schlagen aus“. Auch war das erste Stück, das wir im Gitarrenunterricht bei ihm lernten (in einer nicht-armen Gegend war die Schule im Besitz mehrerer Instrumente der unterschiedlichen Gattungen), Blowin´ In The Wind, nur damit er, als eine Schülerin bekannte, ihre Lieblingsmusik sei die von Bob Dylan (die, btw, die schönsten weißen Brüste und Unterarme auf der ganzen Schule hatte), uns eine 20-minütige Tirade zu bieten – sonst brauchte nur jemand ihn zu fragen, wie er das letzte Spiel Schalke gegen Hannover 96 gefunden hatte, und die Stunde war zu aller Erleichterung erledigt gewesen -, wie schlimm doch diese „Liedermacher“ seien warf er sich mit seiner Mähne und dem uns sonst immer treuherzig anblickenden, ein klein wenig aufgedunsenem Gesicht ans Klavier und begann einen Singer-Songwriter-Song zu improvisieren: „Oh, das Atomkraftwerk! Es ist alles so Blau und in kalten Farben …“ So ging die Stunde schließlich ja auch rum.

Er wusste natürlich nicht, dass Helge Schneider diese seine halb-unfreiwillige Komik zur albern-komischen Verzückungsspitze treiben würde:

Auch deshalb kann ich hier von Helge Schneider einfach nicht genug bekommen. Die Notenvergabe schien bei jenem Musiklehrer allerdings ebenfalls einem aletorischen Prinzip geschuldet. Wenn dann einmal, einmal im Jahr eine Arbeit zu schreiben war, ging es aber durchaus „akademisch“ zu. Die Achtklässler mussten die verschiedenen Auflösungen des Tritonus´ lernen, nach Dur und nach Moll, und die Bedeutung der verminderten Septime Bei Bach verstanden haben. Dann hagelte es Fünfen, dass es nur so eine Freude war. (Ich hatte es ja halbwegs kapiert.) Natürlich gab es da manche Leistungsverweigerer, die schulterzuckend ihr „mangelhaft“ entgegennahmen.

Aber wir sollten einmal auch eine Art Mappe, auch mit Bildern und so fort herstellen. Über eine Band, die wir mochten, einen Musiker oder eine Musikerin, der oder die uns interesssierte oder die uns ansprachen; eine Kassette mit der Musik der betreffenden dabei. Kaum hatten wir unsere Arbeiten abgegeben, war er erstmal für drei Monate krank. (Als er wiederkam, nach drei Monaten, behauptete er, er sei, als er geträumt habe, er schösse das 2:1 oder das 1:2 Liverpool gegen Aberdeen, aus dem Bett und auf seinen Wecker gefallen, was eine schwere Entzündung des Bindegewebes um die Rippen nachsichgezogen hätte, mit mehreren Komplikationen und Verbänden, die den „incident“ immer nur verschlimmert hätten.)

Nun, einer dieser Leistungsverweigerer hatte ein lieblos zusammengestückeltes DIN-A4 Ringbuch mit ein paar sehr nachlässig hineingeklebten Bildern von ABBA abgegeben. Vielleicht auch was hingekritzeltes Geschriebenes dabei.

Aber was passiere? Wir durften einem 30-minütigen Vortrag lauschen, wie genial ABBA sei. Er würde ,als suche er nach einem Wort, sonstwas dafür hergegeben, hätte er dafür auch nur einen Song von den Beatles oder von ABBA komponieren dürfen. (Das Wort „Seele“ sprach er nicht aus.) Es gebe ein Buch von Th. Mann, dafür seien wir aber nicht im richtigen Alter. Er hat sich da aber geirrt, nachdem ich mich 20 Jahre später mal hier und dort mit Mann beschäftigt hatte, hatte ich gefunden, dass der Doktor Faustus doch immer noch dessen gelungenstes Werk sei. Hätte ich damals schon verkraftet, auch die Nietzsche-Verweise. Dies nur nebenbei.

Aber hier sind wir wieder beim Thema. Bei der Neuen Musik und der Aleatorik. Ich war also in diesem Wahl-Kurs mit dem Titel „Aleatorik“ bei diesem mir unvergesslichen Lehrer (der übrigens ganz vorzüglich mit seinen Wurstfingern Bach auf der Gitarre spielte). Er hatte uns mit Stockhausen-Kompositionen gefoltert, die sich aus Variationen von quietschenden-kreischenden Geräuschen, wie sie sonst nur Kreide auf der Tafel produziert, zusammenzusetzen schienen; in diesem Kurs hatten sich nur die uninteressantesten Frauen der ganzen Schule versammelt, ganz Zufall hatte das nicht sein können (aber vielleicht waren die gar nicht uninteressant, offenbar nutzten sie die Musikstunde bloß dazu, etwas zu schlafen und zum Sichlangweilen, die meisten hatten sich vornüber auf die Tische gefleezt und schienen diese Musik in stoischer Ruhe zu ertragen), wir konzipierten eine „Gruppenkomposition“, nahmen die auch auf, ich spielte dann ganz gerne – und aus lauter Einfallslosigkeit, wie ich gestehen muss – halbverminderte Akkorde, wie sie im Jazz bezeichnet werden, dabei handelt es sich um dreifache Schichtungen von kleinen Terzen, sodass sich in diesem Akkord ein zweifacher Tritonus ergibt (zwei kl. Terzen=ein Tritonus), die aber, wenn die Akkordstruktur um eine kl. Terz verschoben wird, dann immer dieselben Töne enthält, nur dass dann die Töne auf einem anderen tiefsten Ton aufbauend in einer anderen Reihenfolge sich hochschichten. Ich fand, das klang schön schräg, wie ich das mit der Terzverschiebung so machte. Die Besonderheit hier ist übgrigens des Weiteren, dass es, da derselbe Akkord sich jede kl. Terz eigentlich wiederholt, nur drei verschiedene halbverminderte Akkord gibt. Ich schob ihn also in Halbtonschritten hoch oder runter und hatte damit ein Kriterium der 12-Ton-Musik erfüllt: Dass jeder Ton erst dann wiedergespielt werden dürfe, wenn alle anderen 12 Töne der chromatischen Tonleiter erklungen sind.

Er schaute mich über die Schulter über das Klavier gebeugt an – aber ich hatte ja „gemogelt“! Es war nichts weiter als eine Dramatisierung des halbverminderten Akkords gewesen! Eigentlich war es mir peinlich gewesen; ich hatte es nicht vermocht, mich von meinem angestrebten Jazz-Idiom zu lösen. Wir hörten uns das Ergebnis dann an, ziemlich laut, wie unsere Musiklehrer uns ihre Schallplatten und Tonbandaufnahmen immer ziemlich laut vorspielten (auch im Sommer vorher Fenster zumachen …). Bei meinen Eltern hätte ich das nie gedurft …

In einer „Doku“ – so nennen wir es heute, keine Ahnung, wie es damals hieß – wurden also Bilder von Vertretern der Neuen Musik bei der Arbeit gezeigt; so ganz uncool konnte das ja nicht sein; wenn ich einen Musiklehrer gehabt hatte, der es vorzog, uns Einsteins Gedankenexperimente zu versuchen zu Erklären (das mit dem Zug und der Unmöglichkeit der Gelichzeitigkeit), wenn er mal wieder monatelang krank gewesen war, und der jederzeit bereit war, sich in endlose Diskussionen über Fussball zu verstricken, anstatt uns irgendetwas über C-Dur beizubringen, uns dazu noch animierte, Foltermusik zu konzipieren, dann musste da etwas dran sein.

Und in jener Doku, wie gesagt in s/w, Siebzigerjahre, oder Sechziger, leicht verschwommene und dergestalt verhuschte Bilder, also in jener Zeit entstanden, als jemandem wie Th. W. A. Adorno noch im Öffentlich-Rechtlichen sich über Becketts „Endspiel“ stundenlang auszulassen gestattet wurde, ein aufklärerischer Impetus nicht zu überhören, damals, in jenem Schwarz-Weiß-Film waren sie zu sehen, die Revoluzzer der Musikszene, mit ihren Pingpong-Bällen.

Inwiefern sich aber Karlheinz Stockhasen mit diesen Tischtennisbällen beschäftigte, war mir nicht vergönnt, es spruchfest zu recherchieren.

Das Ergiebigste dazu fand ich hier. Die Tischtennisbälle finden sich aber unter Anderem bei Helmut Lachenmann und Peter Ruzickas.

Und auch im Techno, bei Aphex Twin: Das rhythmische Muster, das ein herunterfallender Pingpong-Ball erzeugt, wird hier erneut aufgegriffen, beim vorigen Link durchaus dieses rhythmische Phänomen als ein Phänomen der Tonhöhe aufgefasst, weil bei Stockahausen als Phänomen in der Zeit. Bei welchem Zeit zum ersten Mal als das eigentliche Medium des Musikalischen radikal aufgefasst werde. Tonhöhe ist ein Phänomen der zeitlichen Verdichtung. Wenn der Tischtennisball immer schneller auf dem Untergrund auftrifft, stellt sich für unser Gehör, das diese Zeitdifferenzen nicht mehr zu Bewusstsein bringen kann, diese Zeitverdichtung als eine Tonerhöhung dar.

Die Tischtennisbälle wurden verschiedentlich wieder benutzt, u. A. bei Helmut Lachenmann und Peter Ruzickas.

Jetzt sind sie aber, die Pingpong Bälle, ich bin mir nicht sicher, ob das noch „Aleatorik“ ist, endlich auch im Jazz angekommen: Tischtennisballjazz!

PS: natürlich haben wir auch umfangreich Webern gehört, Beethoven, Schönberg. Und die die Umkehr, den Krebs, und die Krebsumkehr gelernt.


2 Kommentare on “Beinahe Aleatorik : Pingpong Bälle endlich im Jazz angekommen! – Kleiner Erfahrungsbericht zur „Neuen Musik“

  1. Jeffry Hardy sagt:

    Vor allem ab den 1970er Jahren setzt ein Trend zur Individualisierung, insbesondere eine endgültige Ablösung vom seriellen Komponieren, ein. In der Musik unserer Zeit kann man daher von einem Stilpluralismus sprechen. In György Ligetis Musik z. B. sind musikalische Einflüsse aus verschiedenen Kulturen und Zeiten zu beobachten. Gänzlich eigenständige Positionen vertreten der italienische Improvisator und Komponist Giacinto Scelsi , der Engländer Kaikhosru Shapurji Sorabji , der Este Arvo Pärt oder der Mexikaner Conlon Nancarrow . Einen besonderen Extremfall stellt der Amerikaner Harry Partch dar: der Verbreitung seiner Musik stand entgegen, dass sie auf ein eigenes mikrotonales Instrumentarium angewiesen ist.

    • ziggev sagt:

      Sorry, Jeff Hardy, dass Dein Kommentar erst jetzt erscheint; er war zuerst im Spam-Order gelandet. Vielen Dank jedenfalls für diese kurze Zusammenfassung der Geschi8chte der Neuen Musik seit den 70er Jahren!


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