Oh, syrische Melancholie !!

mein job als Hilfslehrer, um Afghanen, Syriern die deutsche Sprache beizubringen, ist jetzt vorerst vorbei, und wie sehr vermisse ich schon jetzt meine Schüler. Da war Zhara, die noch nie eine Schule von innen gesehen hatte, und welche jetzt aber mit ihrem Zeugnis, ohne kaum zu begreifen, was sie da in Händen hielt, fortschritt, um ihre Kinder von der Schule abzuhohlen.


Islam belongs to Deutschland – ABC-Schützen aus Syrien und Afghanistan: Deutschland, Schule …?

Nein, ich würde nicht wittgensteins Logische Untersuchungen einem Praxistest unterziehen (obwohl der Frontalunterricht der Kursleiterin mit Zeigestock, Bilderkarten und „Nimm bitte den Hund!“ – nimmt – „Ich nehme den Hund.“ wittgensteins Gedankenexperimenten in den PhU nicht unähnlich ist) und, ja, der Behaviorismus ist mir trotz meiner Vorliebe für den (reduktionistischen, falsch) eliminativen  Materialismus etwas zu sehr in die Tage gekommen, wittgensteinische Ohrenziehrei kommt sowieso nicht infrage, die Neuigkeit seit einigen Wochen bei mir ist aber:

Ich bin jetzt seit einigen Wochen Hospitant/Helfer bei einem Deutsch-als-Zweitsprache/Alphabetisierungs-Kurs für Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien.

Und heute hatten wir die Lautfolge bzw. Laut-Buchstaben-Zuordnung S-C-H dran:

SCH Deutschland Schule Moschee

Also „Sch„. Alle einmal nachsprechen … „sch!“ Wir hatten ja bereits einige Wörter mit „sch“ bei der Artikelzuordnungs-Konjugations- und Aussagesatz/Fragesatz-Übung, bei welchen Übungen die oben schon erwähnten Bilderkarten benutzt werden:

Die Tasche (nicht Koffer), der Schrank, der Kühlschrank, das Geschenk (Sonderfall von ‚das Paket‘), auch wussten alle, wie ich heute lernte, was ein Schuh ist (für die Erklärung, worin der Unterschied zum Stiefel besteht, nahm sich die pensionierte Grundschullehrerin, die übrigens ziemlich auf die Tube drückt, ca. 6 sec. Zeit), alle wissen ebenfalls, jedenfalls nach einigem Versuchen oder nach Vorsagen, bei welchem Bild sie „Schwimmen“ sagen müssen. Aber auch (Bild hochhalten): „Das ist die Kirche (… nebenbei: das ist keine Moschee), also: die Kirche.“

Lernepisode „Sch“ war also durch; und ein kleines Palaver entstand, bei dem teilweise unsicher bereits mehr oder weniger bekannte Wörter mit „sch“ ausprobiert wurden.Von unserem syrischen Musterschüler aus Aleppo, Frau und Kind noch dort, drei Jahre Schule, syrischer Führerschein, seit Februar in Deutschland, will hier bleiben (Aleppo? – „in Aleppo ist alles kaputt“) wurde das kurze Durcheinander mit der bestimmten und etwas lauter gesprochenen Erklärung beendet:

„Deutschland, Schule, Moschee – das ist alles das Gleiche!“

„… das gleiche ‚Sch'“ ist vielleicht im Getöse untergegangen. Ich sehe aber für den Burschen, der motiviert ist, Deutsch wirklich vom Klein-klein an zu lernen, gute Chancen.

 


Mutterwitz bei der Arztwahl („sooo schlecht organisiert!“)

Wir unterhielten uns am Telefon über die üblichen Kandidaten bei der Wahl eines Orthopäden, der sich um mein schmerzendes Knie kümmern sollte, x, „Knochenbrecher“, wie er genannt werde und mir zugetragen wurde, den ich aber seines kalt-akademisch-konservativen Habitus wegen immer gern aufsuchte, und der einen immer mit einer Körpergröße von 1,90 m von oben herab wie ein lästigen Insekt anzugucken pflegt, was einen schönen Gegensatz zu seinen gelangweilten sexy Praxisgehilfinnen ergibt, y, sehr gute Praxis ohne Wartezeiten und selber ausgeführte Handchirurgie (Spezialist), doch dann schließlich z !

„Nee! Da gehe ich nicht mehr hin, die sind sooo schlecht organisiert! Stell Dir vor, ich nannte auf Nachfrage meine Krankenkasse (privat), doch dann hieß es gleich, ‚ach so, dann werden Sie vorgezogen‘, und ich bekam einen früheren Termin als die Patientin (AOK), die vor mir drangewesen war und die sich noch in der Nähe aufhielt. Also, sooo schlecht organisiert !! Den Termin habe ich dann auch nicht mehr wahrgenommen.“

„Und, wie war das dann genau?“ – Sie hat wohl etwas der Art wie „Aber hier geht es wohl nicht mit rechten Dingen zu“ gesagt und dann fluchtartig die Praxis verlassen, wie gesagt, den Termin nicht wahrgenommen, und, ja, sie bedaure es, keine deutlicheren Worte gefunden zu haben. Was soll man auch sagen, wenn der Arzt eine derartig „schlecht organisierte“ Praxis betreibt ?

 

 


wichtige Korrektur: Betty Carter, nicht Davis ! – die Augen auf unendlich stellen

Oj-je, es ist eine dringende Korrektur vonnöten, dringend erforderlich und dito nachzuholen:

Jemand, womöglich von summacumlade kommend, schaute bei mir vorbei und klickte offenbar meine kleine Hommage an Bill Withers an, was ich daraus schloss, dass jemand bei mir einen Link verfolgt hatte, der – und das ist die kleine Katastrophe des Tages – zu dem Wiki-Eintrag zu Betty Davis führte, gegen die natürlich überhaupt nichts einzuwenden ist, außer dass jene Sängerin, die immerhin Miles Davis mit der Musik von Jimi Hendrix u. Sly Stone bekannt machte, eben nicht jene auf ganz andere Art und Weise einzigartige Betty Carter ist, deren für mich unvergessliche Version des Withers-Titels Grandma´s Hands es mir damals so angetan hatte, als ich sie, die „Stimme des Bebop“, sowie diesen Song zum ersten Mal hörte.

Der TV-Mitschnitt, wie ich ihn in Erinnerung habe, ließ sich im Netz nicht mehr auffinden, aber sei´s drum, es sei allen – auch oder gerade auch allen Nichtjazzliebhabern und Nichtjazzfreunden – ans Herz gelegt, sich diese Frau, ihre Performance, ihren Gesang einmal zu Gemüthe zu führen!

Denn, Tell Me A Bedtime Story (Herbie Hancock), jene Schauspielerin, die eine ganze Menge derselben auf Lager hatte und mit der ich selbiges damals teilte, mochte Jazz einfach nicht, vielleicht durchs Schauspiel zu sehr apollinisch ausgerichtet, – und erst an Jazz interessiert, als ich ihr die Titel des Real Books zu lesen gab, bewegt von all den Namen der Broaway-Songs u. Jazz-Stücken, die ja dem Titel nach oftmals von der Liebe handeln (oder gar von Bettgeschichten), wurde dann auch ganz romantisch, als wir uns die Aufnahme eines Auftritts von Betty Carter, hingefleezt auf der Matratze in meinem kleinen, sommerlich abgedunleten Zimmer, anhörten, ja, und sie guckte dann – einige hartherzige Zeitgenossen würden auf diesen Blick mit einem innerlich vor sich hingebrummelten „glotz nicht so romantisch!“ reagieren – sehnsüchtig wohin, irgendwohin, jedenfalls woanders hin. –

Sie „stellte die Augen auf unendlich“, wie Arno Schmidt solches unvermittelt auftretendes Gebaren, das er in KAFF auch Mare Crisium an seiner Gefährtin mehr als einmal beobachtet, zärtlich viel besser benennt.

Und, ja: Betty Carter ist – auch – eine große Geschichtenerzählerin, was ihr Beiname „Stimme des Bebop“, ein Stil, der durch irrwitziges Tempo, städtische Hektik und melodische Kapriolen geprägt ist, so gar nicht nahelegt; es musste vielleicht jedoch erst eine Women In Jazz (es gab ein gleichnamiges Festival in Rom, wo sie als Star gefeiert wurde) kommen, um dem Bebop eine Stimme zu verleihen (wenn sie´s drauf ankommen lassen will, ist sie selbstverständlich nie um eine Kapriole der Melodie verlegen), ihre Auftritte kommen Epen des Jazz gleich, die einzige Sängerin, die ich hinreichend kenne (es wäre möglicherweise noch Cassandra Wilson zu nennen), und bei der der Text eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie bei der großartigen Billie Holiday. 

PS.: Bei der falschen Erinnerung „Betty Davis“ handelt es sich offensichtlich um eine Meme, die sich aus der wirklichen Betty Davis mit ihrer Afro-Frisur, welche ihrerseits eine Meme ist, und deren sonstige körperliche Vorzüge Miles Davis in seiner Autobiographie so empathisch rühmt, der späten, phänomenalen Abgründigkeit der Bette Davis, die offensichtlich in meinem Unterbewusstsein ihr unwesen treibt, und dem Namen „Betty Carter“ selbst zusammensetzt, denn der Nachname Carter ist in der musikalischen Sphäre selbstverständlich okkupiert von dem Namen des Bassisten Ron Carter (Miles Davis Quintett), mit dem Betty allerdings nicht verwandt zu sein scheint.

‚Betty Davis‘ – diese Sängerin, deren richtigen Namen ich nie erinnern kann, wie hieß die noch gleich?“ Ich rief einen Musiker an, den ich kenne und mit dessen Hilfe meine assoziatiative Phantasie auf Trab kam, bis ich schließlich den betreffenden Namen gefunden hatte.

Witzigerweise sendete der dlf an dem Tag, an dem ich diesen Blog online stellte, eine Konzert vom Cécile McLorin Salvant Quartett, welche Sängerin neben Nina Simone, der unvergesslichen, als Vorbilder eben Betty Davis nennt, was unschwer zu hören war. Ich werde mir wohl mal etwas von Cécile McLorin Salvant besogen müssen (zu empfehlen).


Wieder beim Arzt -Tinnitus (einmal informationstheoretisch [„Redundanz“] aufgefasst und behandelt!)

Wie zu erkennen ist, ist es mit meinen Wortanfällen nun länger nicht mehr das, was es einmal war, gewesen ist und auch hatte sein sollen. Was es aber nun mit jenen ominösen wortanfällen eigentlich auf sich hat, das habe ich bis heute nicht so richtig erklärt, um mich, was ich noch sagen werde, zu zitieren: Wichtig, aber dennoch gut zu wissen. Soll also alles eines Tages noch kommen. Soviel sei verraten, es handelt sich um eine Schreibpraxis, die wieder auf einer spirituellen beruht. – und die es mir ermöglichte, unlesbare, unzumutbar lange, nur mir bekannten orthographischen Regeln folgende Kommentare nicht, wie zuerst beabsichtigt, woanderns hinzukommentieren, sondern, als das mit letzterer besser lief, ins hierzu extra angelegte hiesige Blog auszulagern.

Es hat sich nun herausgestellt, dass solche, ich nenne sie inzwischen „Skizzen“, tatsächlich, nachdem ich sie für Kommentare zurechtgestutzt, umgebaut, sogar „konzipiert“ habe, auch wirklich etwas besser lesbar sind. Ich bringe also jetzt einen meiner letzten Kommentare bei summacumlaude: Es ging um die Arzt-Frage: Warum haben Sie denn auch geraucht? (nach denkbar fataler Diagnose)

Soweit der Anfallteil, nun der zurückausgelagerte:

Bei dem schlechten Arzt, den ich als junger Mensch einmal ganz aufgeregt besuchte, handelte es sich immerhin um Dr. R. A. Zwingenberger, den Vater keines geringeren als des berühmten Boogie-Woogie-Pianisten Axel Zwingenberger (für Spezialisten: Bruder von Torsten Zwingenberger), den ich wegen eines hartnäckigen, mir den Schlaf raubenden Tinitus‘ (sodass ich mehr schwitzend als schlafend die Nächte voller Ängste zubrachte) konsultierte, doch der verschrieb mir lediglich, ohne mir freilich Hoffnung zu machen – „können Sie, wenn Sie wollen, ja mal ausprobieren“ -, ein wirkungsloses Durchblutungsmittel.

Dann sagte er noch, o-Ton.

„Warum macht ihr bloß auch immer so laut Musik?“ Das war alles. Woher wollte er denn wissen, dass ich nicht, wie seine Söhne, Boogie-Woogie machte, oder vom Old Time herkam?

Ich spielte auch Waschbrett, allerdings später. Ich hatte allerdings unter Zuhilfenahme künstlich erzeugten Rauschens im Ohr und gewisser Räusche und ein wenig Selbstsuggestion jenen Tinituston „redundant“ werden lassen. – Jenes Ohrrauschen, das wir gewöhnlich eher mit Zuständen erhöhter Konzentration in bestimmten Situationen assoziieren, in denen wir „auf uns zurückgeworfen“ sind, und welches seitdem für mich ebendieses Rauschen des Blutes im Ohr geblieben ist, ist zwar nicht redundant, jedoch deutlich lauter geworden.

Was soll man tun? Ich lebe, um Musik zu machen. Wobei ich an R. Musil denke: „Ich lebe, um zu Rauchen!“ (Nachlass zu Lebzeiten), welche Sentenz die Absurdität der Frage nachdem Gerauchthabens auf angemessen absurde Weise offengelegt hätte. Musil, bekanntermaßen ein genialer Kopf, hatte selbst auf diese Frage die passende Antwort (ebenfalls „Nachlass zu Lebzeiten“, selber Satz, vor den Klammern): „Ich behandle das Leben als etwas Unangenehmes, über das man durch Rauchen hinwegkommen kann!“

 

Eine genaue Analyse jenes Musilschen Satzes bleibt freilich noch durchzuführen. (Musil hat nämlich dessen philosophische Tragweite selber gar nicht begriffen, die sein Zusatz „Ich behandele das Leben …“ den Lesern eher verdunkelt.)


“Feed me, eat me, literacy!”: hilfe! die Proust-Schleife !!

tatsächlich, ich habe nun einen twitter-account eingerichtet; und, ja, ich wurde – an einer Hand abzählbar – getwittert, wie ich dann feststellte. Karls Kraus berichtet davon: beim Lesen des eigenen Textes nach etwas zeitlichem Abstand in Tränen ausbrechen. Aber, um keine falsche Fährte zu legen, nein-nein, das ist mir bei noch keinem meiner Blogtexte passiert. Aber doch schon einmal beim Lesen eines makrobiotischen Rezepts, das ich für den ***-Verlag ins Deutsche Übertrug. Die Autorin hatte sich nur beim Verlag „die letzte Hand am Text“ ausbedungen … Kennt natürliche jeder Schreiberling, jede, die schreibt: die brutalstmögliche Blutgrätsche des Lektorats in den Text, wie ja auch jene Autorin, die meine Übersetzung nach ihren Vorstellungen „zurechtgestutzt“ hatte und sich überhaupt nicht „wiedergefunden“ hatte bei meinem Übersetzungsvorschlag, diesmal nur durch den Übersetzer – es handelte sich bei jener Stelle, wohl gemerkt, um Kochanleitungen mit Ernährungstipps, die ich übersetzt hatte, und die mich, sie im Deutschen lesend, zum Weinen gebracht hatten.

An diese Heul-Flenn-Momente werde ich wohl bis auf weiteres nicht so schnell wieder anschließen können.

höchstens in proustscher Manier werde ich auf Umwegen dort wieder anschließen können, wo ich einmal aufgehört hatte. denn ich bin, wie ich zugeben muss, manchmal ehrlich positiv überrascht, von dem, was intelligenten solchen und Menschen mit Humor hie oder dort (auch Kommentare woanders) auffiel. „Feed me, eat me, literacy!“


zum Tod von B. B. King – „The Thrill Is Gone“

Alle Gitaristen, für die nicht B.B. King seit Chuck Berry, Muddy Waters in erster Linie mit den nachahmungswertesten Gitarristen seit Robert Johnson steht, können von mir aus weiterschlafen.

King hat die Sechst im Blues unvergesslich gemacht. King hätte ja gar nie wirklich eine Gitarre gebraucht: Er brauchte eigentlich nur eine Saite, und wie er sie zum Schwingen brachte – dafür wurde er weltberühmt.

Die Intensität, die er einem einzelnen Ton zu verleihen vermochte – wir stürzen uns zurück, hinein in die Geschichte, der des Blues, der des afroamerikanischen Gitarrenspiels, keines geringeren als Robert Johnsons, den wir nicht minder verehren als Th. Monk, als Urszenen des Jazz -, der einzigartig allein souverän stehenden einzelnen Note, gar nicht so leicht, das hinzubekommen, denn dafür, um sowas hinzukriegen, musst Du das klassische Vibrato beherrschen, wurde von keinem anderen je als ihm selbst auch nur in Ansätzen übertroffen.

Er hatte sich auf diese Weise bereits in frühen Jahren in die Musikgeschichte eingeschrieben; ob aus finanziellen Gründen oder nicht: ich weiß es nicht: Er machte einfach immer weiter.

Also: Für alle, die das gar nicht interessiert, denen der Blues, der Jazz am A… vorbeigeht: Es ist hier jemand von uns gegangen, der von eminenter Bedeutung ist für die Entwicklung der populären Musik des 20. Jh.

Glaub´s mir oder nicht. Es ist aber so.


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