Schalom, Johnny Cash

immer schon hatte ich ja Kontakte zur Penner-Drogi-Alki-Szene. Ja, hatte ich. Denn die meisten sind inzwischen mal eben so einfach weggestorben. Und ich muss sagen, dass ich einigermaßen erschüttert bin, weil ich feststellen muss, jetzt, wo ich darüber nachdenke, dass es über all dies so wenig zu berichten gibt. Es sind Krankengschichten, meist mit schlechtem Ausgang.

Oder: Vielleicht kommt noch der Tag mit dem großen Atem, der Tag, an dem ich von X, Waren-Termin-Geschäfte, London, elendig krepiert als Penner in Hambuerg, der Typ mit dem ausgesuchenten Hochdeutsch, berichten werde können. Oder, oder, oder …

Aber ich frage mich, warum mich dieser letzte Tod so mitnimmt. Lag es daran, dass die Trauerfeier nur halb gelungen war, daran, dass der Typ, der ihn tot auf der Toilette aufgefunden hatte, volltrunken da aufschlug, mit der Tür klapperte, ich nenne ihn mal ‘Q’, eingeheiratet in diese high-society-Diplomatenfamilie, und der die Andacht störte? Nachdem zur Einstimmung die Klänge von Johnny Cash zu hören gewesen waren?

Oder liegt das daran, dass ich den Burschen erst vor einem Jahr näher kennen gelernt hatte, als er uns, mich und die Frau, die ich liebe, zu Weihnachten aufgabelte, als bei uns die Familiensache durch war und er offensichtlich alleine? Und er uns einlud, Wodka war ja – immder mindestens zwei Flaschen – da?

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Es ist selbstverständlich immer wohlfeil, Trauerreden zu kritisieren.

Aber soviel wusste ich von dem Kerl schon, um mir sicher zu sein, dass die “dunkle” Seite seines Lebens, versteckt hinter dem, was Adorno den Jargon der Eigentlichkeit nannte, moralisierend der Bequmlichkeit halber ausgeblendet wurde. Es wurde verallgemeinernd ausgeblendet, was die wirklichen Ursachen für diesen frühen Tod mit 47 Jahen waren.

Andererseits erfuhr ich vieles, was ich nicht wusste, und vielleicht haut dieser Tod deshalb so rein, weil ich erst danach, nachdem ich ihn kurz kennen gelernt hatte und er gestoben war, mir ein Bild machen konnte, wie und warum es so hatte kommen müssen.

Und es war allen klar gewesen, dass es so nicht lange hatte weitergehen können mit ihm. Ich hatte ihn zuletzt noch nach seinem letzten Entzug fröhlich mit der Süddeutschen unterm Arm munter durchs Dorf schreiten sehen, jetzt ernährte er sich ausschließlich von Wodka.

Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass es nicht nur das Bewusstwerden der Tatsache ist, dass “die Einschläge immer näher kommen”, dass mit jeder Minute das Datum des eigenen Todes näher rückt, dass es nicht bloß diese Angst ist, die mich bis Heute so fertgt macht. Und dazu hatte ich die letzten Jahre sicherlch genug Gelegenheit gehabt.

Zwar spreche ich dem Alkohol manchmal zu oft über die Maßen zu, habe andererseits ne astreine diagnosis, “schwere depressive Episode”, das alles ist kein Wunder, und ich bin da vollkommen unbesorgt, aber seit einer Woche macht mich das Versterben dieses Typen, mit dem ich mich gerade mal bei zwei Gelegenheiten gut und angereget unterhielt, total fertig. Ne Freundin, die ihn kannte, weinte gestern bitterlich. Die Frage: Warum? Ich weiß es nicht. Sein Spitznahme war übgrigens “Schalom”.

Jetzt Johnny Cash.

PS: es liegt auch nicht an Schubert ; – )


drüben beim Che gab´s wieder eine Diskussion, in der Linken Selbstgerechtigkeit vorgeworfen wurde

unter Anderem bezog sich der Nögler auf einen blog, in dem Momorulez sich mit dem Antiamerikanismus beschäftigt hatte. In diesem Artikel hatte Momorulez ja selber einen Vorschlag unterbreitet, wie es zu Phänomen ähnlich der Möchtegern-Solidarität in sich links verstehenden Kreisen hatte kommen können. Er spricht von Selbstgerechtigkeit, “nunmehr jedes Feld zu okkupieren und zum eigenen zu machen”, was im Keime eben jene Haltung sei, die dazu führe, “dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei”.

Momorulez will verstehen, wie es zu dieser Haltung kam, und bietet eine Antwort an, die doch ziemlich genau das beinhaltet, was ihm nun vorgeworfen wurde. Und was vielleicht auch mein unbewusster Vorwurf war, – deshalb mein Rumgeeiere drüben? Ganz sicher bin ich mir nicht.

Ausgegangen war er vom Antiamerikanismus, wie es ihn auch in der Friedensbewegung gegeben habe, nämlich unter anderem “mit teils nationalistischem Einschlag”. Es sei versucht worden, “historisch geläutert das „gute Deutschland“ zu inszenieren”. – Aber das passt doch gut zusammen mit dem Antiamerikanismus der Kriegsverlierer: Verdrängung der eigenen Schuld am Holocaust, “wir sind wieder wer”, was sich in der Friedensbewegung habe einschleichen können. Antiamerikanismus hat es nun aber zumindest als Vorwurf gegeben in jener Zeit. Eher allerdings aus der Fünfte-Kolonne-Historikerstreit-Ecke. Das zielte eben auch auf linke Verdrängung (Faschismus ist die notwendige Folge von Kapitalismus und Imperialismus, was habe ich also mit dem Holocaust zu tun). Diese linke Verdrängung, oder die Bereitschaft dazu, hat es allerdings gegeben. Da die Linke immer schwächer wurde, konnte schließlich Walser seine Paulskirchenrede halten. Vielleicht hat diese linke Verdrängung doch etwas mit der für “die Linken” so typische Selbstgerechtigkeit zu tun.

Als sich die links/rechts-Dichotomie (scheinbar) aufzulösen begann, jedenfalls für die Wahrnehmung des Mainstreams, gab es vielleicht doch “in diesem Szenario 1977-83″ eine Art, hmnja, Neuanfang, in dem “sich sehr Unabgegoltenes verbirgt?”, wie Momorulez schreibt. Das hatte mich verwundert, denn dann sähe Momorulez ja Chancen dort, wo es sich um eine Verfallserscheinung der Linken in Form z.B. eines nationalistischen Antiamerikanismus in Teilen der Friedensbewegung handelt, er also ins stalinistische Umerziehunglager gehört hätte, das umgekehrt ihm ja schon mächtig um die Ohren gehauen wurde.

Heute sehe ich linke Selbstgerechtigkeit eher als Folklore. Derart, dass der entsprechende Vorwurf so sehr Standart-Folkore geworden und ihr eigentlicher Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Es gibt natürluch auch unschöne Erscheinungen, vielleicht sind die gar nicht als typisch links zu sehen, und “Folklore” muss natürlich wieder durch “Selbstgerechtigkeit” ersetzt werden, wenn Momorulez damit recht hat, dass sie dazu geführt habe, dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei.

Ansonsten nehme ich sie hin, übrigens nicht wie schlechtes Wetter. Zumal, wenn mir möglw. erscheinende Überheblichkeit eben möglicherweise bloß meine Projektion ist, weil ich abwehren will, Angst um Privilegien habe. In der reinen Form bin ich ihr in Blogs noch kaum begegnet (ich lese ja auch nur welche von schlauen Leuten), aber vielleicht hat sie fortgewirkt und bringt heute noch ein Verhalten hervor, für welches z.B. Lantzschi kritisiert worden ist, wenn denn an diesen Vorwürfen überhaupt etwas dran ist. Aber auch dann nehme ich sie hin. Sie hatte immerhin noch lange eine erhebliche Anziehungskraft, da waren ja immer diese Leute gewesen, in den 60ern, 70ern, die automatisch einfach immer recht hatten, dazu das Empörungspotenzial, das sich flugs angeeignet werden konnte. Da ist nichts zu machen, ist im linken Paket vielleicht ja immer noch mit drin. Und abgesehen davon, dass bei einigen ehemalige Linken, die plötzlich konservativ sind, über Katholizismus faseln, sich auf einmal alles geändert hat, nur die habituelle Selbstgerechtigkeit nicht, ist sie mittlerweile Bestandteil des guten Tons geworden. intellektuelle Überheblichkeit, früher mal der Renner, macht sich immer noch gut, und gekonnt inszeniert, sorgt sie regelmäßig in den Kommentarspalten für Begeisterung.

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Biographisches
Typisch linke Sebstgerechtigkeit, ich glaube zu wissen, was damit gemeint ist. Ich will ja nun icht in die gleiche Kerbe hauen, außerdem fand ich das Phänomen abschreckend und habe dann diese Kreise nie näher kennengelernt. Später, in Uni-Zusammenhängen, habe ich es versucht. Doch ironische Bemerkungen zu in meinen Augen längst veralteten Positionen wurden glatt – kleine Schweigepause – übergangen. Auch habe ich Leute und deren Verkleinbürgerlichung kennengelernt, durch familiäre Kontakte, zugleich wunderte ich mich über diese Selbstzufriedenheit. Für die ich sie eher beneidete. Vielleicht kam dieser Anschein auch daher, jahrelang die Ursachen für alle Unbill auf dieser Welt erforscht zu haben: mit kühlem Kopf, und wen dann nichts mehr wundert, den hielt ich wohl für etwas selbstzufrieden. Und wenn dann alles glücklich läuft, Doktorarbeit über Stadtteilarbeit oder so, was dann?

Ach, noch eine Erinnerung, ein Freund spielte mit seiner Band in der Bahnhofsmission, danach feierten wir wild im Keller mit ein paar Obdachlosen, ich spielte “These Boots Are Made For Walkin”, Löffel klapperten auf Tischplatte, und … weiß ich nicht mehr, bis mir die Finger bluteten. Und da war ein großer Raum. Rechts in Großen Kisten, eher Raumteiler, lagen Klamotten, links waren Äpfel gelagert: Vitamine für alle! Vorne stand mittig plaziert ein Schreibtisch mit Laptop (glaube ich mich zu erinnern) und einer Lampe als einzige Lichtquelle im Raum. Und da war dieser coole junge Typ, ganz in Schwarz, die Haare kurtz, schwarzgefärbt, und das Ganze wirkte wie in einem Film, der in den 30ern spielt. Der Komissar, Funktionär, der Verwalter, ich weiß auch nicht. Wenn diese Stilisierung jedoch beabsichtigt war, dann war sie gelungen. Da stand ich und bewunderte. Cool, alles unter Kontrolle, sich um die Basics kümmern, eine andere Welt, und 30erjahre-Chic. Na, und dann kam diese suberprächtige Blondine aus Schweden rein, megacool, auch noch solcherart international vernetzt. Also, ich war schon etwas neidisch.

…Netbitchs postpubertärte Selbstgfindungs-Vermutung. Fand ich z.B. interessant. Noch suchend, wenn ich so sagen darf, musst du dir die Sprüche anhören, die eben nicht denkbar gewesen wären, wenn nicht jemand meinte, Sex sei eben auch Politik, außerdem habe er den theoretischen Durchblick, da kann man sich in die Angelegenheiten fremder einmischen. Die Mädchen, die S. Beauvoir lasen, gingen mit dem Lehrer ins Bett oder fickten in der Villa der Eltern des einen Typen mit den drei Jaguars davor, hui, wie politisch! Oder die sich blähenden Nüstern dieses Jungspunts in der Uni, als er in irgendeiner Diskussion den Feind erkannt hatte. Hauptsache Feind. Wie ödete mich das alles an!



Von Zeitzeugen wurde mir allerdings widersprochen


Flughäfen, Trinksitten, Hannah Arendts Bewusstseinsstrom und Guru Steve Jobs

Verreist bin ich ja nie, auch nie geflogen. Und diese last-minute-flyghts haben bei mit immer diesen Abscheureflex ausgelöst: mit was für Leuten würde ich denn da fliegen, und wohin? Wahrscheinlich bin ich durch Klassenfahrten und Sportreisen mit der Minibubi-Fußballmannschaft bis heute angeekelt von solchen Massenunternehmungen. Ich weiß auch nicht, woher das kommt, aber irgendwie habe ich ein Anstandsgefühl, das mich vor jeder Grobschlächtigkeit und aggressiver Distanzlosigkeit, vor Grobheiten überhaupt zurückschrecken lässt, und wenn es dann kein Entkommen gibt, finde ich immer solche ungehobelten Grenzübertritte verletzend – auch wenn ich selber gar nicht betroffen bin. Obwohl ich nie erzogen worden bin, kenne ich das Fremdschämen für aggressive Kommunikationsstile, zu lautes Sprechen, Kraftausdrücke an falscher Stelle und Aggression induzierendes Urständ feierndes Banausentum schon seit meiner Kindheit. Vielleicht liegt es daran, dass Kinder einfach immer die Schwächeren sind, also verletzlich, und aus dem sich daraus ergebenden Schutzbedürfnis ein besonderes, feines Sensorium für Störungen in sozialem Kontext gewissermaßen von Haus aus mitbringen. Nun habe ich zwar subtile, zynische verbale Aggressionsformen im Elternhaus mitbekommen, aber nie, dass sich explizit Schimpfworte oder Flüche, Kraftausdrücke an die Köpfe geworfen wurden oder dass sich wirklich einmal angeschrien wurde. Vielleicht hat dieser Umstand dafür gesorgt, dass mir mein kindliches Stilbewusstsein bis heute – jedenfalls in gewissen Grenzen – erhalten geblieben ist: Es einfach vermeiden, allzu rücksichtslos und taktlos miteinander umzugehen. Auf diese Weise bin ich ein, in den allermeisten Fällen, sehr friedliebender und -fertiger Mensch geworden. Soviel zu meiner Theorie der Höflichkeit.

So habe ich es nie einzusehen vermocht, dass bei jedem Bier, Prost!, angestoßen werden müsse, dass unvermeidlich jedes Mal und unaufhörlich – je besoffener, um so lautstärker – sich gemein gemacht werden müsse; mir ist durchaus unklar, wessen sich, wenn gerade hierdurch die Situation immer mehr entgleitet, vergewissert werden soll. Für mich hat das was masochistisches.

… Nee so geht das nicht. Habe alles versucht, laut, leise lesen, zu unterschiedlichen Tageszeiten, nach einigen Tagen erneutes Lesen; habe versucht mir den Rest des Textes schönzutrinken, nüzt alles nichts, der Rest des Textes ist einfach nicht lesbar.


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