frohes neues !

das nenne ich konsequent


Baustelle: Empathie, auch Einfühlungsvermögen, Ressentiments, Versuch #2 (- edited )

Dieser Text steht noch online, ist aber alles andere als ausformuliert, ich werde weiter daran schreiben. Es wird sich einiges finden lassen, das in einem durchkomponierten Text keine Chance hätte.

Zur Einfühlung schrieb ja schon Edith Stein

Nun gibt es jedoch ein ein interessantes, paradoxes Phänomen, das mit dem Einfühlungsvermögen zunächst insofern weniger etwas zu tun hat, als es sich mehr um Gefühlsmanagement handelt, also um die Gefühle, die durch andere in einem hervorgerufen werden. Wobei natürlich klar ist, dass diese Gefühle von mir generiert werden und von niemandem sonst. Wie wenn es, verwandt mit Gedankenübertragung, etwas wie Gefühlsübertragung gäbe. Und dass das, was ich fühle, natürlich davon abhängt, wie es um mein Innenleben bestellt ist, welche Einstellung ich habe und wie ich mit den Gefühlen umgehe.

Gefühle können ja wieder Gefühle erzeugen. Am Beispiel Ressentiment (Psychol.) – “Das Wiedererleben eines schmerzlichen Gefühls” fühlt sich ohne Zweifel nicht besonders toll an; also soll dieses Wiedererleben nun verhindert werden, und dieses Verdrängen, dieses Aus-dem-Wege-gehen-Wollen, ist nun wieder keine so angenehme Sache. Daraus entsteht ein (innerer) Groll: dass dieses Gefühl da ist, stört; eine seltsam ungerichtete Wut enststeht; eigentlich hatte sie ja verdrängt werden sollen, jetzt aber hat sie sich verselbstsändigt und eine “mentale Dissonanz” stellt sich ein; das Verdrängte muss sozusagen immer wieder hervorgekramt werden, wie auch die (vermeindlichen) Verursacher, denn sie sind ja schließlich verantwortlich für die aktuelle Misere, – um von der ärgerichen Tatsache abzulenken, dass nunmal dieser sich verselbstständigt habende Groll besteht. Klar, dass er sich dadurch nur weiter verstärkt. Aber weiter: dem Aus-dem-Wege-gehen-Wollen aus dem Wege gehen zu wollen, diesen unwiederstehlichen Drang, das eigene Verdrängen-Wollen zu verdrängen, ist nun natürlich besonders schmerzhaft, denn ein solchen Unterfangen führt in einer solchen Situation, wie ich meine, fast notwendig zum Selbsthass. Und in dieser Spirale einmal gefangen führt der Versuch, den Selbsthass selbst wieder zu verdrängen, nur wieder zum Selbsthass. Nicht nur, wie anfänglich beim Ressentiment, das der psychologischen Definition zufolge die schmerzhaften Gefühle, eben beim und durch das Wiedereleben, verstärken kann, was eben zu jenem inneren Groll führt bzw. was durch ihn bewirkt wird, nicht nur das, sondern jetzt ist es der Selbsthass, der den Groll, den Selbsthass verstärkt, und der den Groll oder den Selbsthass sogar erst hervorbringt! Denn was ursprünglich einmal ein unangenehmens Gefühl bewirkte, kann nun völlig vernachlässigt werden. Wichtig ist dabei nur, dass es einer selbst nicht ist, der diesen zu verdrängenden Selbsthass hervorbrachte. Für diesen wieder und wieder erlebten Selbsthass muss einfach wer anders verantwortlich sein. Zunächst fühlte ich mich ein wenig unwohl; jetzt wird aus “Ich hasse Dich, weil ich Dich hasse” – “Wen Du immer auf welche Art und Weise auch immer hasst, welchen Hass Du auch immer mit Dir herumträgst – er oder sie sind es, die, die Du hasst sind es, die dafür verantwortlich sind!” Exakt so sagte es ja Möllemann. Die Juden sind ja selber verantwortlich für den Antisemitismus. Unglaublich. Und plötzlich hörte man an allen Ecken, ja, irgendwo hat er ja Recht. Das war wirklich erschreckend.

Ich bin jetzt so lange beim Ressentiment verweilt, weil der Begriff ja sehr unterschiedlich gebraucht wird. Imho können jedoch die unterschiedlichen Definitionen in Zusammenhang gebracht werden. Deshalb hab ich mal klein-klein aufgeschrieben, wie ich mir den Begriff versucht habe klarzumachen.

EDIT: und so, oder so ähnlich, habe ich es auch dem einzigen, der das dann verstand, in meinem Bekanntenkreis zu erklären versucht (vorher: “irgendwo hat er ja recht …”) und der der einzige ist (war?) mit Kontakten zu Nazi-Kreisen und der jetzt seinen Vater pflegt, der nach einem Schlaganfall “zum übelten Nazi mit den übelsten Nazisprüchen mutierte”.

Aber zurück zur Empathie, zum Einfühlungsvermögen.

Das Ressentiment ist auch hier wichtig, weil klar wird, dass Gefühle andere Gefühle verdecken können. Wie bereits angedeutet, geht es mir nicht darum, mit jemandem mitzufühlen, sich in jemanden hineinzuversetzen. Wie soll das auch gehen, außer mit Magie? In Grenzen ist dies sicherlich möglich. Aber wer weiß schon, wann z. B. sein Mitleid mit jemandem aufrichtig ist?

Aber nun wird es interessant: Es ist paradox: Je mehr ich es hinbekomme, nicht über jemanden, der bei mir negative oder positive Emotionen auslöst, zu urteilen, desto mehr “Material” fließt mir dann zu, das jenem Urteilen zugeführt werden könnte. Umso mehr entdecke ich unauffällige Charakterzüge, Schrullen usf. Lauter Dinge, für die ich mich nun öffnen kann, um sie als kleine, liebenswerte Charackterfehler anzusehen. Je weniger ich über jemanden urteile, das ist meine Erfahrung, je weniger ich über jemanden urteile, je weniger Urteile über jemanden ich also mit mir herumtrage, und welche Urteile ich in Folge mit meinen Emotionen verwechsele, umso mehr bin ich in der Lage, zu erkennen, welche Gefühle die betreffende Person in mir auslöst. Je gefühlskälter ich anderen gegenübertrete, umso mehr ich distanziert gegenüber meinen eigenen Emotionen bin, umso besser kann ich eben diese Emotionen erkennen, die der oder die andere in mir auslöst. Und umso mehr ich meine eigenen Gefühlsregungen erkenne, umso genauer kann ich mir ein Bild von der betreffenden Person machen, das ich auf Grundlage dieser Gefühle mir immer schon mache. Plötzlich erkenne ich mehr und mehr dieser kleinen, unauffälligen Charakterzüge der betreffenden Person, die ich, gerade weil ich jetzt nicht be- oder verurteile, als liebenswerte Schrullen und so fort ansehen könnte. Je gefühlskälter ich bin, umso mehr wächst meine Fähigkeit, mitzufühlen, zur Empathie.

Es kann sich auch vorgestellt werden, dass Gefühle niemandem irgendwie zugehören. Wenn ich nun aber von vorneherein das, was ich fühle, als etwas unpersönliches ansehe, fällt es mir auch viel leichter, nicht über den betrefenden Menschen zu urteilen.

Es ist eine Technik, bei der Gefühle als Gäste betrachtet werden, die um Einlass begehren und um einen vorübergehenden Wohnsitz bei mir bitten. Die bittet man hinein und bietet ihnen einen Platz an, sich niederzulassen. Jetzt habe ich ein Auge darauf und kann sie beobachten. Manche solcher Gäste lösen sich exakt in dem Moment in Luft auf, wenn sie sich gerade hinsetzen wollen. Und paradoxerweise werden es immer weniger Gefühle, die anklopfen, wenn man einmal bekanntgegeben hat: Nur zu! Sturmfreie Bude, wer will, kann kommen, und wird hereingelassen. Mit der Zeit erkennt man sie besser, weil so schon mal ganz gut gegen Ressentiments vorgesorgt worden ist, die die “wahren” Gefühle verdecken. Irgendwann packen sie ihre Sachen und suchen sich einen anderen “Wirt”. Das klingt jetzt verrückt und bescheuert: irgendwann fühlst du gar nichts mehr. Ob das geht, weiß ich nicht, aber allein der Versuch kann dann schon manchmal echte Euphoriezustände auslösen. Klingt jetzt noch bescheuerter, schwer zu beschreiben.

Und, wieder, paradox: Mit wachsender “Gefühlsarmut” wächst bei solchem Gefühlsmanagement die Fähigkeit zur Empathie, – ohne dass sie nun notwendig zum Einsatz kommt.

Was jetzt aber nicht im Umkehrschluss als Vorschlag gemeint ist, nun immer und zu jeder Zeit alles in sich hineinzufressen.


drüben beim Che gab´s wieder eine Diskussion, in der Linken Selbstgerechtigkeit vorgeworfen wurde

unter Anderem bezog sich der Nögler auf einen blog, in dem Momorulez sich mit dem Antiamerikanismus beschäftigt hatte. In diesem Artikel hatte Momorulez ja selber einen Vorschlag unterbreitet, wie es zu Phänomen ähnlich der Möchtegern-Solidarität in sich links verstehenden Kreisen hatte kommen können. Er spricht von Selbstgerechtigkeit, “nunmehr jedes Feld zu okkupieren und zum eigenen zu machen”, was im Keime eben jene Haltung sei, die dazu führe, “dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei”.

Momorulez will verstehen, wie es zu dieser Haltung kam, und bietet eine Antwort an, die doch ziemlich genau das beinhaltet, was ihm nun vorgeworfen wurde. Und was vielleicht auch mein unbewusster Vorwurf war, – deshalb mein Rumgeeiere drüben? Ganz sicher bin ich mir nicht.

Ausgegangen war er vom Antiamerikanismus, wie es ihn auch in der Friedensbewegung gegeben habe, nämlich unter anderem “mit teils nationalistischem Einschlag”. Es sei versucht worden, “historisch geläutert das „gute Deutschland“ zu inszenieren”. – Aber das passt doch gut zusammen mit dem Antiamerikanismus der Kriegsverlierer: Verdrängung der eigenen Schuld am Holocaust, “wir sind wieder wer”, was sich in der Friedensbewegung habe einschleichen können. Antiamerikanismus hat es nun aber zumindest als Vorwurf gegeben in jener Zeit. Eher allerdings aus der Fünfte-Kolonne-Historikerstreit-Ecke. Das zielte eben auch auf linke Verdrängung (Faschismus ist die notwendige Folge von Kapitalismus und Imperialismus, was habe ich also mit dem Holocaust zu tun). Diese linke Verdrängung, oder die Bereitschaft dazu, hat es allerdings gegeben. Da die Linke immer schwächer wurde, konnte schließlich Walser seine Paulskirchenrede halten. Vielleicht hat diese linke Verdrängung doch etwas mit der für “die Linken” so typische Selbstgerechtigkeit zu tun.

Als sich die links/rechts-Dichotomie (scheinbar) aufzulösen begann, jedenfalls für die Wahrnehmung des Mainstreams, gab es vielleicht doch “in diesem Szenario 1977-83″ eine Art, hmnja, Neuanfang, in dem “sich sehr Unabgegoltenes verbirgt?”, wie Momorulez schreibt. Das hatte mich verwundert, denn dann sähe Momorulez ja Chancen dort, wo es sich um eine Verfallserscheinung der Linken in Form z.B. eines nationalistischen Antiamerikanismus in Teilen der Friedensbewegung handelt, er also ins stalinistische Umerziehunglager gehört hätte, das umgekehrt ihm ja schon mächtig um die Ohren gehauen wurde.

Heute sehe ich linke Selbstgerechtigkeit eher als Folklore. Derart, dass der entsprechende Vorwurf so sehr Standart-Folkore geworden und ihr eigentlicher Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Es gibt natürluch auch unschöne Erscheinungen, vielleicht sind die gar nicht als typisch links zu sehen, und “Folklore” muss natürlich wieder durch “Selbstgerechtigkeit” ersetzt werden, wenn Momorulez damit recht hat, dass sie dazu geführt habe, dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei.

Ansonsten nehme ich sie hin, übrigens nicht wie schlechtes Wetter. Zumal, wenn mir möglw. erscheinende Überheblichkeit eben möglicherweise bloß meine Projektion ist, weil ich abwehren will, Angst um Privilegien habe. In der reinen Form bin ich ihr in Blogs noch kaum begegnet (ich lese ja auch nur welche von schlauen Leuten), aber vielleicht hat sie fortgewirkt und bringt heute noch ein Verhalten hervor, für welches z.B. Lantzschi kritisiert worden ist, wenn denn an diesen Vorwürfen überhaupt etwas dran ist. Aber auch dann nehme ich sie hin. Sie hatte immerhin noch lange eine erhebliche Anziehungskraft, da waren ja immer diese Leute gewesen, in den 60ern, 70ern, die automatisch einfach immer recht hatten, dazu das Empörungspotenzial, das sich flugs angeeignet werden konnte. Da ist nichts zu machen, ist im linken Paket vielleicht ja immer noch mit drin. Und abgesehen davon, dass bei einigen ehemalige Linken, die plötzlich konservativ sind, über Katholizismus faseln, sich auf einmal alles geändert hat, nur die habituelle Selbstgerechtigkeit nicht, ist sie mittlerweile Bestandteil des guten Tons geworden. intellektuelle Überheblichkeit, früher mal der Renner, macht sich immer noch gut, und gekonnt inszeniert, sorgt sie regelmäßig in den Kommentarspalten für Begeisterung.

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Biographisches
Typisch linke Sebstgerechtigkeit, ich glaube zu wissen, was damit gemeint ist. Ich will ja nun icht in die gleiche Kerbe hauen, außerdem fand ich das Phänomen abschreckend und habe dann diese Kreise nie näher kennengelernt. Später, in Uni-Zusammenhängen, habe ich es versucht. Doch ironische Bemerkungen zu in meinen Augen längst veralteten Positionen wurden glatt – kleine Schweigepause – übergangen. Auch habe ich Leute und deren Verkleinbürgerlichung kennengelernt, durch familiäre Kontakte, zugleich wunderte ich mich über diese Selbstzufriedenheit. Für die ich sie eher beneidete. Vielleicht kam dieser Anschein auch daher, jahrelang die Ursachen für alle Unbill auf dieser Welt erforscht zu haben: mit kühlem Kopf, und wen dann nichts mehr wundert, den hielt ich wohl für etwas selbstzufrieden. Und wenn dann alles glücklich läuft, Doktorarbeit über Stadtteilarbeit oder so, was dann?

Ach, noch eine Erinnerung, ein Freund spielte mit seiner Band in der Bahnhofsmission, danach feierten wir wild im Keller mit ein paar Obdachlosen, ich spielte “These Boots Are Made For Walkin”, Löffel klapperten auf Tischplatte, und … weiß ich nicht mehr, bis mir die Finger bluteten. Und da war ein großer Raum. Rechts in Großen Kisten, eher Raumteiler, lagen Klamotten, links waren Äpfel gelagert: Vitamine für alle! Vorne stand mittig plaziert ein Schreibtisch mit Laptop (glaube ich mich zu erinnern) und einer Lampe als einzige Lichtquelle im Raum. Und da war dieser coole junge Typ, ganz in Schwarz, die Haare kurtz, schwarzgefärbt, und das Ganze wirkte wie in einem Film, der in den 30ern spielt. Der Komissar, Funktionär, der Verwalter, ich weiß auch nicht. Wenn diese Stilisierung jedoch beabsichtigt war, dann war sie gelungen. Da stand ich und bewunderte. Cool, alles unter Kontrolle, sich um die Basics kümmern, eine andere Welt, und 30erjahre-Chic. Na, und dann kam diese suberprächtige Blondine aus Schweden rein, megacool, auch noch solcherart international vernetzt. Also, ich war schon etwas neidisch.

…Netbitchs postpubertärte Selbstgfindungs-Vermutung. Fand ich z.B. interessant. Noch suchend, wenn ich so sagen darf, musst du dir die Sprüche anhören, die eben nicht denkbar gewesen wären, wenn nicht jemand meinte, Sex sei eben auch Politik, außerdem habe er den theoretischen Durchblick, da kann man sich in die Angelegenheiten fremder einmischen. Die Mädchen, die S. Beauvoir lasen, gingen mit dem Lehrer ins Bett oder fickten in der Villa der Eltern des einen Typen mit den drei Jaguars davor, hui, wie politisch! Oder die sich blähenden Nüstern dieses Jungspunts in der Uni, als er in irgendeiner Diskussion den Feind erkannt hatte. Hauptsache Feind. Wie ödete mich das alles an!



Von Zeitzeugen wurde mir allerdings widersprochen


Flughäfen, Trinksitten, Hannah Arendts Bewusstseinsstrom und Guru Steve Jobs

Verreist bin ich ja nie, auch nie geflogen. Und diese last-minute-flyghts haben bei mit immer diesen Abscheureflex ausgelöst: mit was für Leuten würde ich denn da fliegen, und wohin? Wahrscheinlich bin ich durch Klassenfahrten und Sportreisen mit der Minibubi-Fußballmannschaft bis heute angeekelt von solchen Massenunternehmungen. Ich weiß auch nicht, woher das kommt, aber irgendwie habe ich ein Anstandsgefühl, das mich vor jeder Grobschlächtigkeit und aggressiver Distanzlosigkeit, vor Grobheiten überhaupt zurückschrecken lässt, und wenn es dann kein Entkommen gibt, finde ich immer solche ungehobelten Grenzübertritte verletzend – auch wenn ich selber gar nicht betroffen bin. Obwohl ich nie erzogen worden bin, kenne ich das Fremdschämen für aggressive Kommunikationsstile, zu lautes Sprechen, Kraftausdrücke an falscher Stelle und Aggression induzierendes Urständ feierndes Banausentum schon seit meiner Kindheit. Vielleicht liegt es daran, dass Kinder einfach immer die Schwächeren sind, also verletzlich, und aus dem sich daraus ergebenden Schutzbedürfnis ein besonderes, feines Sensorium für Störungen in sozialem Kontext gewissermaßen von Haus aus mitbringen. Nun habe ich zwar subtile, zynische verbale Aggressionsformen im Elternhaus mitbekommen, aber nie, dass sich explizit Schimpfworte oder Flüche, Kraftausdrücke an die Köpfe geworfen wurden oder dass sich wirklich einmal angeschrien wurde. Vielleicht hat dieser Umstand dafür gesorgt, dass mir mein kindliches Stilbewusstsein bis heute – jedenfalls in gewissen Grenzen – erhalten geblieben ist: Es einfach vermeiden, allzu rücksichtslos und taktlos miteinander umzugehen. Auf diese Weise bin ich ein, in den allermeisten Fällen, sehr friedliebender und -fertiger Mensch geworden. Soviel zu meiner Theorie der Höflichkeit.

So habe ich es nie einzusehen vermocht, dass bei jedem Bier, Prost!, angestoßen werden müsse, dass unvermeidlich jedes Mal und unaufhörlich – je besoffener, um so lautstärker – sich gemein gemacht werden müsse; mir ist durchaus unklar, wessen sich, wenn gerade hierdurch die Situation immer mehr entgleitet, vergewissert werden soll. Für mich hat das was masochistisches.

… Nee so geht das nicht. Habe alles versucht, laut, leise lesen, zu unterschiedlichen Tageszeiten, nach einigen Tagen erneutes Lesen; habe versucht mir den Rest des Textes schönzutrinken, nüzt alles nichts, der Rest des Textes ist einfach nicht lesbar.


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