der Trübsal Tiefpunkt – Kabukee!

da sitze ich also in der U-Bahn, um meine letzten Pfennige in diesem Monat für ein paar Bier eine Station weiter auszugeben, hatte mich also aufgerafft, während alle meine Organe rebellierten, M., ein hochbegabter Musiker und Informatiker, genauer: nicht mal mehr Musiker gewesen, “Jazz ist langweilig”, war vor drei Tagen gestorben, ich hatte an seine Klavierlehrerin gedacht, an Kabukee, ich glaube, das ist ein afrikanischer Name, und daran, dass sie sich umbrachte, ich weiß nicht mal warum, es muss Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein, die ich immer bewundert hatte, ja, ich hatte sie heimlich bewundert. Da ging mir auf: ich kenne doch dieses Gefühl, früher hattest du dich ihr doch noch – sie geradezu willkommenheißend – ohne Rücksicht zu nehmen hingegeben, dich ihr schonungslos ausgeliefert, der Melancholie! Ja, das wars. Ich kannte dieses Gefühl. “Die Gefühle beobachten”, ich kann es selbst nicht mehr hören, ein alter Tip von Baghwan/Osho und dessen Schülern, aber ich tat´s, und da saß ich, unrasiert, und ich muss sagen, schon ein wenig ungewaschen, in tiefster Trübsal – und lächelte.

Good Morning Heartache, Billie Holiday:


Baustelle: Empathie, auch Einfühlungsvermögen, Ressentiments, Versuch #2 (- edited )

Dieser Text steht noch online, ist aber alles andere als ausformuliert, ich werde weiter daran schreiben. Es wird sich einiges finden lassen, das in einem durchkomponierten Text keine Chance hätte.

Zur Einfühlung schrieb ja schon Edith Stein

Nun gibt es jedoch ein ein interessantes, paradoxes Phänomen, das mit dem Einfühlungsvermögen zunächst insofern weniger etwas zu tun hat, als es sich mehr um Gefühlsmanagement handelt, also um die Gefühle, die durch andere in einem hervorgerufen werden. Wobei natürlich klar ist, dass diese Gefühle von mir generiert werden und von niemandem sonst. Wie wenn es, verwandt mit Gedankenübertragung, etwas wie Gefühlsübertragung gäbe. Und dass das, was ich fühle, natürlich davon abhängt, wie es um mein Innenleben bestellt ist, welche Einstellung ich habe und wie ich mit den Gefühlen umgehe.

Gefühle können ja wieder Gefühle erzeugen. Am Beispiel Ressentiment (Psychol.) – “Das Wiedererleben eines schmerzlichen Gefühls” fühlt sich ohne Zweifel nicht besonders toll an; also soll dieses Wiedererleben nun verhindert werden, und dieses Verdrängen, dieses Aus-dem-Wege-gehen-Wollen, ist nun wieder keine so angenehme Sache. Daraus entsteht ein (innerer) Groll: dass dieses Gefühl da ist, stört; eine seltsam ungerichtete Wut enststeht; eigentlich hatte sie ja verdrängt werden sollen, jetzt aber hat sie sich verselbstsändigt und eine “mentale Dissonanz” stellt sich ein; das Verdrängte muss sozusagen immer wieder hervorgekramt werden, wie auch die (vermeindlichen) Verursacher, denn sie sind ja schließlich verantwortlich für die aktuelle Misere, – um von der ärgerichen Tatsache abzulenken, dass nunmal dieser sich verselbstständigt habende Groll besteht. Klar, dass er sich dadurch nur weiter verstärkt. Aber weiter: dem Aus-dem-Wege-gehen-Wollen aus dem Wege gehen zu wollen, diesen unwiederstehlichen Drang, das eigene Verdrängen-Wollen zu verdrängen, ist nun natürlich besonders schmerzhaft, denn ein solchen Unterfangen führt in einer solchen Situation, wie ich meine, fast notwendig zum Selbsthass. Und in dieser Spirale einmal gefangen führt der Versuch, den Selbsthass selbst wieder zu verdrängen, nur wieder zum Selbsthass. Nicht nur, wie anfänglich beim Ressentiment, das der psychologischen Definition zufolge die schmerzhaften Gefühle, eben beim und durch das Wiedereleben, verstärken kann, was eben zu jenem inneren Groll führt bzw. was durch ihn bewirkt wird, nicht nur das, sondern jetzt ist es der Selbsthass, der den Groll, den Selbsthass verstärkt, und der den Groll oder den Selbsthass sogar erst hervorbringt! Denn was ursprünglich einmal ein unangenehmens Gefühl bewirkte, kann nun völlig vernachlässigt werden. Wichtig ist dabei nur, dass es einer selbst nicht ist, der diesen zu verdrängenden Selbsthass hervorbrachte. Für diesen wieder und wieder erlebten Selbsthass muss einfach wer anders verantwortlich sein. Zunächst fühlte ich mich ein wenig unwohl; jetzt wird aus “Ich hasse Dich, weil ich Dich hasse” – “Wen Du immer auf welche Art und Weise auch immer hasst, welchen Hass Du auch immer mit Dir herumträgst – er oder sie sind es, die, die Du hasst sind es, die dafür verantwortlich sind!” Exakt so sagte es ja Möllemann. Die Juden sind ja selber verantwortlich für den Antisemitismus. Unglaublich. Und plötzlich hörte man an allen Ecken, ja, irgendwo hat er ja Recht. Das war wirklich erschreckend.

Ich bin jetzt so lange beim Ressentiment verweilt, weil der Begriff ja sehr unterschiedlich gebraucht wird. Imho können jedoch die unterschiedlichen Definitionen in Zusammenhang gebracht werden. Deshalb hab ich mal klein-klein aufgeschrieben, wie ich mir den Begriff versucht habe klarzumachen.

EDIT: und so, oder so ähnlich, habe ich es auch dem einzigen, der das dann verstand, in meinem Bekanntenkreis zu erklären versucht (vorher: “irgendwo hat er ja recht …”) und der der einzige ist (war?) mit Kontakten zu Nazi-Kreisen und der jetzt seinen Vater pflegt, der nach einem Schlaganfall “zum übelten Nazi mit den übelsten Nazisprüchen mutierte”.

Aber zurück zur Empathie, zum Einfühlungsvermögen.

Das Ressentiment ist auch hier wichtig, weil klar wird, dass Gefühle andere Gefühle verdecken können. Wie bereits angedeutet, geht es mir nicht darum, mit jemandem mitzufühlen, sich in jemanden hineinzuversetzen. Wie soll das auch gehen, außer mit Magie? In Grenzen ist dies sicherlich möglich. Aber wer weiß schon, wann z. B. sein Mitleid mit jemandem aufrichtig ist?

Aber nun wird es interessant: Es ist paradox: Je mehr ich es hinbekomme, nicht über jemanden, der bei mir negative oder positive Emotionen auslöst, zu urteilen, desto mehr “Material” fließt mir dann zu, das jenem Urteilen zugeführt werden könnte. Umso mehr entdecke ich unauffällige Charakterzüge, Schrullen usf. Lauter Dinge, für die ich mich nun öffnen kann, um sie als kleine, liebenswerte Charackterfehler anzusehen. Je weniger ich über jemanden urteile, das ist meine Erfahrung, je weniger ich über jemanden urteile, je weniger Urteile über jemanden ich also mit mir herumtrage, und welche Urteile ich in Folge mit meinen Emotionen verwechsele, umso mehr bin ich in der Lage, zu erkennen, welche Gefühle die betreffende Person in mir auslöst. Je gefühlskälter ich anderen gegenübertrete, umso mehr ich distanziert gegenüber meinen eigenen Emotionen bin, umso besser kann ich eben diese Emotionen erkennen, die der oder die andere in mir auslöst. Und umso mehr ich meine eigenen Gefühlsregungen erkenne, umso genauer kann ich mir ein Bild von der betreffenden Person machen, das ich auf Grundlage dieser Gefühle mir immer schon mache. Plötzlich erkenne ich mehr und mehr dieser kleinen, unauffälligen Charakterzüge der betreffenden Person, die ich, gerade weil ich jetzt nicht be- oder verurteile, als liebenswerte Schrullen und so fort ansehen könnte. Je gefühlskälter ich bin, umso mehr wächst meine Fähigkeit, mitzufühlen, zur Empathie.

Es kann sich auch vorgestellt werden, dass Gefühle niemandem irgendwie zugehören. Wenn ich nun aber von vorneherein das, was ich fühle, als etwas unpersönliches ansehe, fällt es mir auch viel leichter, nicht über den betrefenden Menschen zu urteilen.

Es ist eine Technik, bei der Gefühle als Gäste betrachtet werden, die um Einlass begehren und um einen vorübergehenden Wohnsitz bei mir bitten. Die bittet man hinein und bietet ihnen einen Platz an, sich niederzulassen. Jetzt habe ich ein Auge darauf und kann sie beobachten. Manche solcher Gäste lösen sich exakt in dem Moment in Luft auf, wenn sie sich gerade hinsetzen wollen. Und paradoxerweise werden es immer weniger Gefühle, die anklopfen, wenn man einmal bekanntgegeben hat: Nur zu! Sturmfreie Bude, wer will, kann kommen, und wird hereingelassen. Mit der Zeit erkennt man sie besser, weil so schon mal ganz gut gegen Ressentiments vorgesorgt worden ist, die die “wahren” Gefühle verdecken. Irgendwann packen sie ihre Sachen und suchen sich einen anderen “Wirt”. Das klingt jetzt verrückt und bescheuert: irgendwann fühlst du gar nichts mehr. Ob das geht, weiß ich nicht, aber allein der Versuch kann dann schon manchmal echte Euphoriezustände auslösen. Klingt jetzt noch bescheuerter, schwer zu beschreiben.

Und, wieder, paradox: Mit wachsender “Gefühlsarmut” wächst bei solchem Gefühlsmanagement die Fähigkeit zur Empathie, – ohne dass sie nun notwendig zum Einsatz kommt.

Was jetzt aber nicht im Umkehrschluss als Vorschlag gemeint ist, nun immer und zu jeder Zeit alles in sich hineinzufressen.


Flughäfen, Trinksitten, Hannah Arendts Bewusstseinsstrom und Guru Steve Jobs

Verreist bin ich ja nie, auch nie geflogen. Und diese last-minute-flyghts haben bei mit immer diesen Abscheureflex ausgelöst: mit was für Leuten würde ich denn da fliegen, und wohin? Wahrscheinlich bin ich durch Klassenfahrten und Sportreisen mit der Minibubi-Fußballmannschaft bis heute angeekelt von solchen Massenunternehmungen. Ich weiß auch nicht, woher das kommt, aber irgendwie habe ich ein Anstandsgefühl, das mich vor jeder Grobschlächtigkeit und aggressiver Distanzlosigkeit, vor Grobheiten überhaupt zurückschrecken lässt, und wenn es dann kein Entkommen gibt, finde ich immer solche ungehobelten Grenzübertritte verletzend – auch wenn ich selber gar nicht betroffen bin. Obwohl ich nie erzogen worden bin, kenne ich das Fremdschämen für aggressive Kommunikationsstile, zu lautes Sprechen, Kraftausdrücke an falscher Stelle und Aggression induzierendes Urständ feierndes Banausentum schon seit meiner Kindheit. Vielleicht liegt es daran, dass Kinder einfach immer die Schwächeren sind, also verletzlich, und aus dem sich daraus ergebenden Schutzbedürfnis ein besonderes, feines Sensorium für Störungen in sozialem Kontext gewissermaßen von Haus aus mitbringen. Nun habe ich zwar subtile, zynische verbale Aggressionsformen im Elternhaus mitbekommen, aber nie, dass sich explizit Schimpfworte oder Flüche, Kraftausdrücke an die Köpfe geworfen wurden oder dass sich wirklich einmal angeschrien wurde. Vielleicht hat dieser Umstand dafür gesorgt, dass mir mein kindliches Stilbewusstsein bis heute – jedenfalls in gewissen Grenzen – erhalten geblieben ist: Es einfach vermeiden, allzu rücksichtslos und taktlos miteinander umzugehen. Auf diese Weise bin ich ein, in den allermeisten Fällen, sehr friedliebender und -fertiger Mensch geworden. Soviel zu meiner Theorie der Höflichkeit.

So habe ich es nie einzusehen vermocht, dass bei jedem Bier, Prost!, angestoßen werden müsse, dass unvermeidlich jedes Mal und unaufhörlich – je besoffener, um so lautstärker – sich gemein gemacht werden müsse; mir ist durchaus unklar, wessen sich, wenn gerade hierdurch die Situation immer mehr entgleitet, vergewissert werden soll. Für mich hat das was masochistisches.

… Nee so geht das nicht. Habe alles versucht, laut, leise lesen, zu unterschiedlichen Tageszeiten, nach einigen Tagen erneutes Lesen; habe versucht mir den Rest des Textes schönzutrinken, nüzt alles nichts, der Rest des Textes ist einfach nicht lesbar.


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