google: “Hegemann Proust” -Edit
Veröffentlicht: Januar 27, 2012 Einsortiert unter: Uncategorized Schreibe einen Kommentar »edit: Jetzt habe ich mich natürlich bei google auf die erste Seite gemogelt. per “Proust Hegemann” Aisthesis immer noch auf Seite eins der Suchergebnisse.
Soziale Netzwerke, Blogs, überhaupt das sog. Web 2.0 – das ist doch eine einfach nervige Angelegenheit, dachte ich. Die erste Zeit, nachdem ich einen modernen PC geschenkt bekommen hatte, war ein Graus. Plötzlich funktionierte Internet. Das bedeutete aber auch, dass ich mich mit allerlei technischen Problemen auseinandersetzen musste. Ich googelte und landete in Foren, wo ich mit Glück Antworten bekam auf die vielen Fragen, die sich nun stellten. Aber das war der reine Horror! Stunden- tagelang Forenbeiträge überfliegen, auf der Suche nach hilfreichen Tips, Texte im übelsten Kauderwelsch, bis hin zur schlechthinnigen Unverständlichkeit, ganz abgesehen von der Rechtschreibung. Gibt es ein Wort, dass sich aus den Buchstaben ‘d’, ‘a’, und ‘s’ zusammensetzt ? Oder sind das zwei Wörter ? Es wuchs die Gier nach gut lesbaren Texten. Wer jemals jemanden in der U-Bahn sitzen gesehen hat, mit entgleitenden Gesichtszügen und Tränen in den Augen, die Süddeutsche in der Hand, das “Streiflicht” lesend – ich schon. Überhaupt diese jungen Leute, die sich vernetzten – zu dem einzigen Zweck, die deutsche Sprache zu verunstalten – , die nie ne papierne Zeitung in Händen gehalten hatten, für die galt doch “the medium is the message”, anders waren sie doch gar nicht erklärbar, diese inhaltsleere “Globalisierungskritik”, diese Massenhappenings, um sich einmal irgendwie revolutionär zu fühlen, Castor-Blockaden, G20-Proteste, dass die sich auf einmal, absolut wirkungslos, massenhaft so furchtbar wichtig nahmen. Es ist ja das Privileg der Jugend, daran, wie wichtig sie sei, glauben zu dürfen, selbst wenn es dabei etwas übertrieben wird, Web 2.0 unterstützte jetzt diesen jugendlichen Wichtigkeitswahn, eine wahnhafte Scheinwelt …
Lass sie nur machen, dachte ich mir. Es gibt ja immerhin noch den perlentaucher, wo zwar manchmal auch Videos auftauchten, aber was soll´s. Nichts war schöner, als einen gutgeschriebenen Text in der FAZ, der SZ oder der NZZ zu finden, den ausgedruckt langsam zu lesen, in der Küche sitzend Espresso zu trinken – oder im Sommer auf dem Balkon – , nachdem ich in der Morgendämmerung dem ersten Vogelgezwitscher gelauscht hatte und mit der Gitarre in der Hand ein bisschen auf der alterierten Skala herumgeklimpert hatte, Überschneidungen mit der Blues-Tonleiter ausprobierend. – Aber irgendwann stimmte etwas nicht mehr. Die Texte der sich nun so nennenden “Qualitätsmedien” wurden immer schlechter, oder, anders gesagt, gute Texte wurden immer seltener. Zwecklos, sich tatsächlich eine dem materiellen Universum zugehörende Zeitung, gedruckt auf Papier, zu kaufen – obwohl mich manchmal, genauer: einmal, ein seltsames Wohlgefühl überkam, als ich die FAZ eines Tages in der Hand hielt, ein wenig riechend, etwas feucht noch von der Druckerschwärze, so dass in diesem Wohlgefühl eine kleine Euphorie aufstieg, ganz sicher – aber meist war der Zeitungskauf mit einem nicht abzuleugnenden Gefühl der Enttäuschung verbunden.
Inzwischen hatte ich mit einer Übersetzung zu tun gehabt. Die Situation hatte sich verschärft. Sollte ich mich etwa mit der Ungestalt des gestern Geschriebenen gleich nach dem Kaffee, unverzüglich nachdem ich “Desafinado” heruntergeklimpert hatte, auseinandersetzen, mich diesem Horror ausliefern? Ich weiß nicht mehr, was ich damals las, aber man konnte mich zu der Zeit morgens ein Buch lesend auf dem Balkon beobachten.
Danach war Ebbe. Ich konnte nicht mehr. Aus dem Übersetzer-Forum hatten sich die guten Leute weitgehend verabschiedet, stilistische Fragen wurden nicht mehr erörtert. Wenn ich mich nicht irre, las ich Karl Kerényis “Die Mythen der Griechen”, was es, ich muss es eingestehen, auch nicht brachte. Mir war alles egal. Sollten die doch im Internet machen, was die wollen. Die Zweitlektüre von Proust schob ich immer noch weiter hinaus. Alle anderen regten sich über diese Hegemann-Sache auf. Aber das war endlich mal wieder etwas! Gute Schreiberlinge legten sich mächtig ins Zeug. Das war der Tag, an dem ich bei Google “Hegemann Proust Proust Hegemann” eingab.
Nach Kräften versuche ich ja, das google-Gedächtnis zu umschiffen, aber so sieht das Ergebnis bei mir heute immernoch aus, im Blog-Roll jetzt auch, Kritik und Kunst.; und Link von AISTHESIS

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