Kommentar, Bersarin: Jugendliches Irresein bei Goethe, Musil, Kleist und anderen -edit

hier der Link zu Bersarin und der dortigen Diskussion:

Subjektivierungsweisen und Liebesdiskurse. Kommunikation und Reflexion des Selbst – Kleists Briefe

edit: sehr interessante und lehrreiche Diskussion drüben; es lässt sich nur fragen, was jetzt mein Drauflosbramarbasieren soll, wenn mir schon in anderen Blogs philosophische Zusammenhänge und anderes auf dem Tablett (nein, kein Tablett-PC) serviert wird.

ich weiß jetzt nicht, liegt es an dem Umstand, dass Büchner, Kleist Schullektüre und Auslöser waren (ein Bekannter von mir sagte einmal, er habe sich die Letzten Schuljahre ausschließlich mit Tod, Mord und Verzweiflung auseinandergesetzt, “Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?”), oder war es adoleszente Verwirrung, die sich plötzlich gespiegelt sah, jugendliches Irresein, das auch noch mit Dantons Tod, Woyzeck angefeuert wurde.

Aber mir fiel es in der Jugend schwer, literarische Texte zu interpretieren, es war mir schlicht unmöglich, vielleicht war das nicht nur alters- sondern bei mir noch einmal besonders entwicklungsbdingt. Z.B. die Stelle in Sartres Ekel, die ich mit 14/15 las, als der Held auf einer Bank sitzend die Wurzeln von Kastanien betrachtet und ihn der “Ekel” überkommt. Es wird hier beschrieben, wie es ist, so kam es mr vor. Hat denn niemand Sartre verstanden? Wie kann man daraus nur solch eine große Sache machen? Was soll mir das? Fragte ich mich. Oder der Schluss von Günter Anders´ Sansibar oder der letzte Grund. Gregor (hieß er, glaube ich) geht an einem grauen Tag in Skandinavien an Land. Und? Endlich mal keine Fiktion, es wird gezeigt, wie es ist! Was gab es da zu interpretieren?

Der Klassiker der Coming Off Age-Literatur, Der Fänger im Roggen – ein billiger Abklatsch, eine Frechheit. Sollen das doch andere Spießer lesen. Kleist soll sich wegen einer “Kantkrise” umgebracht haben – auch noch zusammen mit seiner Geliebten? Bloß, weil sich ihm erkenntnistheoretische Fragen stellten. Dafür hatte ich lediglich Verachtung übrig. Dass nichts je ganz präsent ist, dass sich manchmal alle Dinge von einem zu wenden, nur noch als Hüllen zu existieren scheinen, das ist doch eine Grunderfahrung, kein Grund, sich umzubringen, wie können manche Schriftsteller darüber so ignorant hinwegschreiben? Philosophen, professionelle ewige Jugendliche, machen noch ein Geschäft daraus. Wer braucht den Kant, um an sich selbst, die typische pubertäre Verwirrung, irre zu werden. Obwohl mich die Sprache begeisterte, ich las bestimmte Stellen – wo das antike Griechenland ins Spiel kam – in Manns Der Tod in Venedig 10-fach. Es musste hier doch eine Erkenntnis zu holen sein, aber Fehlanzeige. Die Mannsche Ironie, vermute ich. Nie explizit sagen, was gemeint ist. Ebenso im Zauberberg. Ja, es gab ein paar schöne Stellen mit Clawdia, die Sache mit dem Bleistift. Was soll aber dieses Versteckspiel. Dabei konnte Mann es ja. Der Castorp.

Die Schopenhauer-Episode in den Buddenbrooks. Die Leser langweilen als Stilmittel – o.k. Im Doktor Faustus zum Prinzip erhoben (ich meine, den Serenus Zeitblom erzählen zu lassen) funktioniert das dann wieder. Noch so einer, Goethe in Dichtung und Wahrheit, der an einigen Stellen einfach nicht auf den Punkt kommt. “Syntaktisches Zeremoniell” (SZ) triffts ganz gut; übrigens in einem Artikel, in dem es um Goethes “Jugendkrise” ging, die wunderbar in seinen Briefen aus jener Zeit nachvollzogen werden könne (aber eben nicht in Dichtung und Wahrheit!). Zu Mann: ich musste erst den Dr. Fausutus lesen, um zu verstehen: er will uns langweilen. (Zum Glück enthält er ja ein paar Stellen zur Musikgeschichte, deretwegen, weil ich mal einen entsprechenden Abschnitt im Radio gehört hatte, ich das Buch dann lesen musste.) Ich war also vorbereitet, als dann die Buddenbrooks drankamen. Mein Eindruck: Ein recht gelungenes, frisches Jugendwerk.

“Sehen Sie eine Verbindung zw. Hölderlin und Büchner?” (Btw., schön und einprägsam, Dantons Tod, 5. Szene, Lacroix – der von seinem Besuch bei den Jakobinern berichtet – : ‘Und Collot schrie wie besessen, man müsse die Masken abreißen. – Danton: ‘Da werden die Gesichter mitgehen.’) – “Nein.” (wollen die mich aufs Glatteis führen, soll ich mich jetzt um Kopf und Kragen labern?) – “Wirklich nicht, entdecken Sie denn keine Parallelen?” – “Nein.” (bereits mit einem verächtlichen Zug im Mundwinkel.) – “Und wenn Sie den geschichtlichen Hintergrund ins Auge fassen, sehen Sie denn wirklich keine Verbindungen?” – “Naja, haben in etwa in derselben Zeit gelebt.” (Zeit verstreicht, noch irgendwas mit den Jakobinern.) – “?” – “Der eine verfasste den Hessischen Landboten, und der andere verliebte sich, zog sich in einen Turm zurück und onanierte.” (die Zeit wurde knapp, gleich war die mündliche Abiturprüfung vorbei. Ich fasste mir ein Herz. Sprach von Träumen. Die hennergefärbte Geschichtslehrerin, bekannt dafür, die “Nähe” zu jungen Schülern zu suchen, fing an, manisch mitzuschreiben; meine (Selbst-)Verachtung erreichte ihren Höhepunkt; reichte das jetzt? Diese Arschlöcher hatten mein Leben bereits kaputt gemacht, was soll die Komödie? Jetzt noch mein spärliches angelesene Wissen anbringen? Dazu kam es nicht mehr mehr.)

Dann gibt es natürlich noch die Stelle in Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß. Hab irgendwann – insbesondere auch wegen der Kant-Episode – den Törleß noch einmal gelesen und fand dann doch, Musil hat nicht gemogelt. Ich will ja nicht soweit gehen, dass Kant was für Leute ist, die “sich selbst zum Fragezeichen” geworden sind (ich weiß jetzt nicht, wo ich das her habe) und darüber nicht hinaus. Allerdings ist in meinen Augen etwas dran an Lichtenbergs Bemerkung, er glaube, dass diejenigen, die “ein sehr abstraktes und dunkel abgefaßtes System” verstanden hätten, ob der Freude darüber geglaubt haben, es sei bereits demonstriert. – Denn das Sich-selbst-zum-Fragezeichen-Sein lässt sich auch nicht ewig durchhalten.

Wie erfrischend dagegen Kierkegaard, der kommt wenigstens zu Ergebnissen, hm, naja …

Langer Rede kurzer Sinn: Hängt nicht vielleicht der Riß, “der mitten durch es” (das bürgerliche Subjekt) hindurchgeht, mit der modernen Erfindung der Jugend zusammen?



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